Zurück

Der Letzte macht das Licht aus

Norwegen-Krimi mit Rezepten

Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts, ein winziges Eiland vor Norwegens Nordwestküste. Finn, der Leuchtturmwärter, und die alten Fischersleute Marit und Petter führen einen unerbittlichen Kampf gegen den Fortschritt. Finn fürchtet um seine Zukunft, denn immer mehr Leuchtfeuer werden digitalisiert. Und Petter schrumpfen unter der Hand die Fangmengen zusammen, weil die Engländer mit ihren schwimmenden Fischfabriken die Fanggründe wie mit riesigen Staubsaugern leer räumen. Wäre da noch der Fährmann Gunnar. Auch er wird mit seiner altersschwachen Fähre bald auf dem Trockenen sitzen; eine riesige Brücke soll über den Sund geführt werden. Was bleibt den Verlierern der Moderne im hohen Norden anderes, als zu ungewöhnlichen Mitteln zu greifen. Irgendjemand macht sich hin und wieder an einem der Leuchtfeuer zu schaffen. Dass dabei Schiffe in Seenot geraten und kentern, nimmt diese Person in Kauf. Oder ist das alles bloß die grausige Musik zu dem »satanischen Fest«, das dem Fortschritt bereitet werden soll?



Leseprobe:

»Das Radar also auch niente! Also Strøm, dann los! Wir müssen, und zwar schnell!«
Das ließ sich Strøm, Steuermann, Funker und Navigationsoffizier in einem, nicht zweimal sagen. Schon gar nicht, wo er genau wusste, wie der Käptn austicken konnte, wenn nicht alles nach Plan lief. Und das hier, das lief kein bisschen nach Plan.
»Radargerät blind wie 'n Maulwurf, okay, das kann vorkommen, bei der Waschküche da draußen kein Wunder, wo sich die ganze Zeit Nieselregen und Schneegriesel abwechseln! Da soll noch ein Radar durchblicken! Okay«, sortierte Strøm in Gedanken die Situation, »aber dass dieses Leuchtfeuer, das wir die ganze Zeit im Blick hatten, dass das auf einmal schlapp macht! Da wird's schon reichlich brenzlig. Und zu allem Überfluss mitten in so 'ner Höllengegend, wo alles voll ist mit Buckeln, ein Inselchen neben dem andern!«
Aber für irgendwelche Zwischenresümees war jetzt keine Zeit. Jetzt war Abspulen angesagt. Jetzt musste alles wie am Schnürchen laufen. Der Käptn ließ die Maschinen stoppen, während Strøm einen ersten Notruf absetzte. Kaum lief der Motor leise vibrierend im Leerlauf, war auf dem Radarmonitor wieder ein Bild. Flimmernd und flackernd, unscharf und immer wieder verschwimmend, aber erkennbar zeichneten sich Konturen ab. Die Fjordufer, landeinwärts allmählich aufeinander zu laufend, und der Küstenverlauf gleich mehrerer Schären und ... und ...
»Scheiße«, schrie der Käptn, »volle Fahrt zurück!«
»Volle Fahrt zurück«, brüllte Strøm nach unten Richtung Maschinendeck.
»Scheiße Scheiße, das reicht nie, wir machen viel zu viel Fahrt voraus, zu spät gestoppt! Aber man sieht ja auch die Hand nicht vor Augen. Meine Fresse, das geht ins Auge!«
Mitten ins beschwörende Flüstern des Käptns hörte man unten die Ventile rappelnd wieder anziehen. Wenn Vollgas gefahren wurde, dröhnte die Maschine bis oben auf die Brücke; bei einem Fischtrawler mit knapp 740 Bruttoregistertonnen kein Wunder. Gott sei Dank waren offenbar alle Mann auf dem Posten. Dass es trotz der leichten See um Leben und Tod ging, das schien noch bis zum letzten Bootsjungen durchgesickert zu sein.
»Das Steuer rum«, zischte Strøm den Käptn an, obwohl er sich selbstverständlich darüber im Klaren war, dass ihm dieser Kommandoton nicht im Entferntesten zustand, »was machen Sie denn da, Chef?! Sie müssen dem ausweichen.«
»Da ist nichts mehr mit Ausweichen, dafür machen wir noch viel zu viel Fahrt. Es dürfte dir ja nun wahrhaftig allmählich klar sein, dass man auch so 'n kleines Badewannenbötchen wie unsers nicht mal eben gebremst kriegt.«
»Aber rumgerissen!«
»Auch nicht rumgerissen. Das ist wie bei der Titanic. Nur dass wir's hier mit einem knallharten knochentrocknen Fels zu tun haben und nicht mit einem dämlich rumdümpelnden Eisberg.«
»Aber, genau, der von der Titanic, der Rudergänger ist doch auch ausgewichen.«
»Hat's versucht, Strøm, versucht. Und du weißt, wie's ausgegangen ist.«
»Verflucht noch mal, Sie halten ja frontal drauf zu! Sie sind des Wahnsinns!«
Strøm wusste nicht mehr, was er tat. Die Wucht seines rechten Hakens traf den Käptn völlig unvorbereitet irgendwo in der Magengegend und schleuderte ihn zur Seite. Er ging in die Knie und kotzte wie ein Reiher. Ohne ihn auch nur eines Seitenblickes zu würdigen, griff Strøm ins Steuer und riss es rum. Das Schiff stöhnte und ächzte in allen Fugen, legte sich mit halsbrecherischer Neigung auf die Seite und drehte seinen Bug einen Hauch mehr nach Steuerbord, um mit zwar langsamer werdendem, aber immer noch gespenstischem Tempo seitwärts auf die Felsinsel zuzufahren.
Plötzlich fuhr ein unglaublicher Schlag durch alle Planken und durchdrang Strøms Knochen wie ein Blitz von unten nach oben. Er hatte das Gefühl, die Halswirbel müssten sich ins Hirn bohren, der Schädel bersten. Ihm wurde schwarz vor Augen, und die Beine versagten ihren Dienst. Dumpf schlug er im Fallen mit dem Brustkorb auf den Kartentisch und warf die Arme reflexartig um die Tischplatte, die inzwischen zwar schon eine bedrohliche Neigung aufwies, dadurch aber, dass der Tisch fest verschraubt war, hielt. Irgendwo in weiter Ferne hörte Strøm den Käptn mit gebrochener Stimme dozieren.
»Wissen Sie, was inzwischen, Jahrzehnte später, die Titanic-Reederei rausgefunden hat, mit Modellversuch und Computersimulation? Der Pott hätte nur eine einzige Chance gehabt, nicht abzusaufen. Eine einzige! Frontal vor den Eisberg zu knallen. Wissenschaftlich erwiesen. Dann hätte's ordentlich gerumst und der Bug wäre komplett demoliert gewesen, aber, rapp zapp, die Schotten runter, und alle bis auf die erste Rumpfkammer wären dicht gewesen. Der Kahn wäre schwimmfähig geblieben, und man hätte in aller Ruhe retten können, was noch zu retten ...«


Buch bestellen (14,- EUR)

978-3-938568-42-2, Mord und Nachschlag 3, 342 Seiten, Broschur, auch als E-Book in allen gängigen Formaten erhältlich für 5,99 EUR!
Zurück