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Die Welt ist eine Scheibe

Rockroman

Franks Weg zu diesem Buch beschreibt er in folgendem Text:

Meine Nemesis (Frank Schäfer)
Mitte der achtziger Jahre verknotete ich mich an der Leadgitarre in einer mehr oder minder erfolglosen Heavy-Metal-Band, die sich Salem’s Law nannte. Damals wusste ich sogar, was das bedeuten soll. Wir spielten in Gefängnissen, Suchtkliniken, Kanalisationen, aber niemals auf den Partys unserer Freunde, weil wir uns nicht durch übertriebenes »Touren« aufreiben wollten und weil uns keiner einlud. Und dann hatten wir plötzlich einen Plattendeal, Tele 5 sendete einen Konzertmitschnitt, wir gingen ins Studio, nahmen ein Album auf, aber als es endlich erschien, wurde der A&R-Manager »Hank«, der uns eingekauft hatte, mit Schimpf und Schande in die Sümpfe gejagt. Der Verdacht lag nahe, dass es unseretwegen geschehen war. Aber das Label verneinte nachdrücklich und schickte eine Kiste Amselfelder (»Könnte ihr ja Grog draus machen, ist ja bald Weihnachten!«), um seinen unbeirrten Glauben an uns zu demonstrieren. Als dann jedoch die erste – und auch letzte – Besprechung in dem damals maßgeblichen Organ »Metal Hammer« erschien, beschloss sie, in unserer Sache etwas defensiver zu agieren. »Am besten, ihr denkt einfach gar nicht mehr an die Platte, wir machen es genauso«, lautete der weise Ratschlag im letzten klärenden Telefonat. »Ach Jungs, und eins noch ... Die Sache mit Hank ... Wir haben euch belogen.«
Die Besprechung im »Metal Hammer« hätte ich mir auch ausgeschnitten, wenn nicht unsere Platte Thema gewesen wäre, weil ich so etwas vorher noch nie gelesen hatte. Der Ekel des Rezensenten schmadderte aus jeder Zeile, es war ziemlich überzeugend.
Fünfzehn Jahre später schrieb ich einen Roman, der meine Erlebnisse mit der Band in für mich durchaus günstigem Licht darstellt, deshalb macht man das ja, und ließ auch einen nichtswürdigen, dummdreisten, torfköpfigen Musikkritiker auftreten, der das von Gott gegebene Ingenium der Romanhelden nicht zu ästimieren, ja, nicht einmal ansatzweise zu verstehen imstande sei. Ich zitierte ein paar Sätze seiner Kritik, die sich so aus dem Zusammenhang gerissen naturgemäß ziemlich geistesschwach ausnahmen, und nannte dieses perfide Kritikerdreckschwein Michael Premsel. Sehr sprechend, wie ich fand.
Der Roman erschien, ich heiratete und fuhr mit meiner Frau in die viertägigen Flitterwochen an die Nordsee, damit war der Verlagsvorschuss abgegessen. Am letzten Tag stieß ich zufällig auf ein Internet-Café und checkte die Mails. Die erste stammte vom Verlag, der sich sehr enttäuscht über die geringen Absatzzahlen zeigte. Aber dann öffnete ich die zweite Nachricht. »Michael Premsel hier«, hieß es dort zur Begrüßung. Und tatsächlich, der Mann, der meine Rockstar-Karriere kaputtgeschrieben hatte, gehörte zu den weniger Käufern des Buches. Er hatte sich wiedererkannt, anschließend beim Verlag meine Adresse erfragt und schlug nun vor, das Kriegsbeil zu begraben, obwohl ihm schon beim Gedanken an die Musik, die ich mit zu verantworten habe, die »kalte Kotze« hochkomme. Ich nahm das Friedensangebot an, es entspann sich ein florierender Mailwechsel, in dessen Verlauf er eine Rezension des Buches im mittlerweile für diese Musik maßgeblichen Organ »Rock Hard« in Aussicht stellte. Die erschien dann auch, und sein Veriss las sich einmal mehr recht plausibel.


Leseprobe:

Nach der vierten Zugabe – wir haben einfach vorn wieder angefangen – packten wir ein. Freunde und solche, die sich für solche hielten, kamen auf die Bühne, um unsere Schultern zu klopfen und die halbleeren Jever mit ihren anzuticken. Ein Volontär des lokalen Schweineblatts, zuständig für die Wochenend-Jugend-Seite, war zufällig auch zugegen und ließ es sich nicht nehmen, uns über den schwarzen Krauser hinweg zu loben.
»Mannmann, ich kann dir sagen, das war Granit ...«
»Jaja.«
Ich sah der holden Fee nach, die eben die Scheune verließ, ohne sich noch einmal umzudrehen. Wenn Sie jetzt verschwand, würde ich sie nie mehr wiedersehen, und ich müßte sterben, ohne je zu erfahren ... Quatsch. Ich wußte ganz genau, wer sie war. Monie Appeldorn. Sie wohnte im Nachbardorf, ging in die elfte Klasse meines Gymnasiums und war mir natürlich nicht erst hier aufgefallen. Der Volontär berührte meinen Arm, um mich noch etwas zu fragen, er trug nun eine Sonnenbrille. Ich sah kein Spiegelbild von mir in den dunklen Gläsern, sie waren trübe wie Spiegel aus Obsidian, Tümpel aus schwarzem Blut. Grabeshauch wehte einen an. Und so machte ich mich los und hob entschuldigend beide Arme.
»Später, ja? Später.«
Jourmalismus ist weder Beruf noch Handwerk, er ist nichts als ein billiges Asyl für Arschlöcher und Mißratene, eine blinde Gasse zur Kehrseite des Lebens, ein dreckiges, nach Pisse stinkendes kleines Loch, auf Anordnung eines Bauamt-Inspektors zugenagelt, aber gerade noch groß genug für einen Wermutbruder, um sich darin zu verkriechen und sich einen runterzuholen wie ein Schimpanse im Zoo. Nein, natürlich fiel mir das nicht wirklich ein damals. Eben beim Schreiben kommt es mir in den Sinn, und ich denke, eine solche Passage paßt hier ganz gut rein.
Monie stand draußen beim Mädchenschwarmgitarristen und hielt einen weißen Becher in der Hand, der unter dem Rand ein paar braune Tropfen sehen ließ. Sie trank also Cola - und lachte gleißend hell zu den Sprüchen unserer maskulinen Barbiepuppe (Ken mit langen Haaren gleichsam!). Mir schien, als hörte ich das Knirschen ihrer ausgewaschenen Jeans, die jeden Moment vor dieser prallen Weiblichkeit kapitulieren konnte. Man mußte sich also in acht nehmen. Ich näherte mich von hinten, und ihr hellblauer Arsch lächelte mich an. Ich lächelte zurück und grüßte höflich.
»Hi.«
Sie wandte sich um, und auch ihr Gesicht lächelte freundlich, aber bevor sie irgendetwas erwidern konnte, begann der schöne Matze bereits, Phil Lynotts schöne Ansage von Scott Gorham auf Thin Lizzys nicht minder schöner Live And Dangerous zu imitieren.
»Darf ich vorstellen«, und seine Stimme bekam diese gespielte Conferenciers-Leidenschaft, »on leadguitar, the next president of the United States of America, on leadguitar ..., Fritze ›Pfaffe‹ Pfäfflin on leadguitar!« Jetzt schrie er fast, und der fünfköpfige Gesprächskreis neben uns wurde aufmerksam und applaudierte gespielt.
»Von Ekstase hat keiner was gesagt«, brüllte er.
»Ich kenn' dich ... aus der Schule. Gutes Konzert, habe ich ihm auch schon gesagt.« Matze grinste und schüttelte bestätigend den Kopf. Als er sich wieder unbeobachtet wähnen konnte, wedelte er obszön mit der Zunge. Ich sah schnell weg und nahm einen längeren Schluck aus der grünen Flasche.


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