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Rückblicke auf mein Leben

Herausgegeben von Peter Hasubek

Autobiographische Schriften
Band 2
Aus dem Englischen des E. L. Bulwer. Hg. von Martina Lauster.
Gutzkows Werke und Briefe. Kommentierte digitale Ausgabe. Hg. vom Editionsprojekt Karl Gutzkow, www.gutzkow.de

Als Übersetzung eines neuen Werks aus der Feder des englischen Erfolgsautors Edward Lytton Bulwer getarnt, erschienen Gutzkows »Zeitgenossen«, eine enzylopädisch-essayistische Rundschau der Gegenwart, 1837 in zwölf Fortsetzungsheften und dann gesammelt in zwei Bänden. Der Grund für die Mystifikation ist in den Publikationsschwierigkeiten zu sehen, mit denen Gutzkow als namentlich genannter Autor des »Jungen Deutschland« nach dem Bundestagsbeschluss vom Dezember 1835 und nach seiner Inhaftierung zu kämpfen hatte.
Gutzkows eigene »analytische« Geschichtsauffassung ist dem soziologischen Porträt der Gegenwart in Bulwers »England and the English« (1833) sehr viel näher als der von Gutzkow selbst so bezeichneten »Geschichtskonstruktion« Hegelscher Provenienz. So entsteht hier in einer neuen, den beschleunigten Zeitverhältnissen angepassten Publikationsform zwischen Buch und Journal ein Werk über das 19. Jahrhundert (Gutzkow änderte den Titel später zu »Säkularbilder«), in dem scharf pointierte typologische Skizzen, Beobachtungen der Gegenwart und umfassende Reflexionen über die Entwicklung von Gesellschaft und Kultur eine in der deutschen Literatur vor ca. 1920 seltene Verbindung eingehen.


Leseprobe:


Trübe Herbsttage waren im Jahre 1831 über Berlin gekommen. Todtenstille herrschte in den Straßen. Der »asiatische Gast«, die Cholera, hatte zum erstenmal Europa berührt. Nichts hatte die Annäherung zurückhalten können. Keine Absperrung gegen Rußland und Polen, kein »Choleracordon« in der Provinz Posen, der, da er zugleich Cordon gegen die Pest der Revolution sein sollte, die soeben in Polen nach den mörderischen Schlachten von Ostrolenka und Praga von Paskiewitsch niedergeworfen war, dem dazu verwendeten Militär als Kriegsjahr angerechnet wurde; umsonst, die Geißel Gottes, wie sie auf den Kanzeln genannt wurde, war da und sogar [Die Cholera.] in Berlin, in der Hauptstadt der Intelligenz, einer Stadt, wo Schinkel und Rauch und Humboldt lebten und das abstrakte Denken die Materie vergessen lehrte! Schleiermacher fand diesen Gegensatz zwischen Geist und Materie so fürchterlich, dass er darüber krank wurde, und Hegel erlag ihm unmittelbar.
Trüber Gedanken voll stand ich in einer von den Straßen Berlins, wo es empfindliche Gehörnerven jetzt vor dem Geräusch der Wagen nicht aushalten können. Damals wuchs in der Kochstraße ländlich ungestörtes Gras. Berlin zählte wenig über 200,000 Einwohner. Dennoch war die Zahl der täglichen Opfer, welche die Cholera fortraffte, schon auf 200 gestiegen. In jedem Viertel gab es Choleraspitäler. Diesen wurden die Kranken in langen mit Wachstuch überzogenen Körben überantwortet. Die Begräbnisse fanden des Nachts statt. Man hatte sich auf eine Haltung eingerichtet, wie sie im Mittelalter stattgefunden haben mochte, wenn die Pest hereinbrach. Alle Träger und sonstige Bedienstete beim Transportgeschäft trugen grüne wachstuchene Überkleider. Alles, was man berührte, roch nach Chlor.

 



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978-3-938568-03-3, 486 Seiten mit CD-ROM, Fadenheftung mit Leseband.
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