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Verdreht

Erzählungen

Eine dieser Jahrgangs-Partys. Andreas beobachtet Birgit, das von ferne angehimmelte Mädchen, wie sie einen Bekannten mutwillig verletzt und dann ungerührt mitansieht, wie der beinahe im Pool ertrinkt. Andreas rettet Düker und besucht ihn ein paar Tage später im Krankenhaus, und der erzählt ihm eine merkwürdige Geschichte. Birgits Freund sei nach einem gemeinsamen Urlaub vom Balkon gefallen und dabei zu Tode gekommen. Ein tragischer, lächerlicher Unfall. Aber Birgit und Andreas verlieben sich. Und dann gibt es plötzlich noch eine etwas andere Version der Geschichte. Es sei so gut wie unmöglich, aus Versehen von diesem Balkon zu stürzen ... Ist auch Andreas` Leben in Gefahr?
Immer geht es um Geheimnisse in diesem Prosaband - in dieser längsten, etwa zwei Drittel des Buches einnehmenden, auch formal avancierten Titelnovelle wie auch in den anderen Stories. Nicht immer sind es die ganz großen Mysterien, aber allemal sind sie lebenswichtig für die Protagonisten, die sich mit ihnen herumschlagen. Und alle Mühe ist vergeblich. Wie bei dem Paar, das sich zur Familienplanung in die Toskana begibt und dort erkennt, daß es keine Familie geben wird. Wie die beiden Liebenden, die sich auf dem Jahrgangstreffen wiedersehen und immer noch nicht verstehen, warum sie sich damals getrennt haben.
Frank Schäfer beobachtet und belauscht seine Figuren, geht ganz dicht ran und stenografiert alles mit, ein verdächtiges Zucken der Augenlider, einen Versprecher, eine schiefe Geste, aber hinter ihre Geheimnisse kommt auch er nicht.


Leseprobe:

Arnes Jahrgangsparty in der umgebauten Garage wurde jetzt langsam so, wie wir sie uns seit Stunden erhofft hatten. Aus den großen Buchenfurnierboxen knallte P.I.L.s »This Is Not A Love Song«, und die Mädchen gaben ihren Widerstand gegen diesen »Krach« endlich auf, ja, bei der letzten AC/DC-Runde vor wenigen Minuten waren sogar ein paar von ihnen aufgestanden, um in der Mitte des Raumes den Beweis anzutreten, daß sie sich allemal besser bewegen konnten als wir. Vielleicht übten sie das auch einfach häufiger. Das sah runder aus, organischer, einfach natürlicher. Nicht so leichtathletisch-abgehackt wie das, was der männliche Teil das gerade durchexerzierte. Einige der Mädchen machten dabei auch die Augen zu, Stefan, Martin und Arne jedoch behielten sie auf, wachsam, angespannt, möglicherweise um gleich reagieren zu können, wenn sich jemand abfällig über sie äußerte. Die Verbissenheit des neuen Rekruten, der beim Gleichschritt immer aus dem Takt kommt.
Die fleckigen Matratzen an den geweißten Wänden, an die man sich besser nicht lehnte, denn sie färbten ab, waren eng besetzt, und das obwohl ein paar kleine Grüppchen draußen vor der Tür standen und immerhin gut ein halbes Dutzend Menschen auf der Tanzfläche ihre Bewegungen mit der Musik in Übereinstimmung zu bringen versuchten. Ich mochte dieses stumpfe, wiederholungsreiche Retro-Punk-Stück nicht und nutzte die Gelegenheit, um endlich pinkeln zu gehen. Das hatte ich schon eine Weile vor, aber Birgit hielt mich – wie auch immer – davon ab. Jene Birgit, der irgend ein Penner aus unserer Klasse, vermutlich Martin, das Anhängsel »Bummsfallera« gegeben hatte, weil sie mit bürgerlichem Namen Fallada hieß. Birgit Bummsfallera! Ich glaubte ahnen zu können, was es damit auf sich hatte, sicher war ich mir nicht.
Sie saß mir gegenüber und unterhielt sich schon eine Weile mit Düker, einem großen blonden Basketballspieler, der nach der Zehnten zu uns gestoßen war, weil er die Elfte wiederholen mußte, und der Birgit noch aus seiner alten Klasse kannte. Sie war ein Jahr älter als ich, gehörte also eigentlich nicht auf diese Party (aber wer hätte etwas dagegen haben können?), ein Jahr älter also, dieses eine Jahr, das einen schüchtern macht – mit 17.



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978-3-938568-10-1, 176 Seiten, fadengeheftetes Hardcover, ehemaliger Preis: 17,- Euro.
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