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Sternstunden der Wahrheit

›Best of‹ zum 18.Geburtstag der taz-Wahrheit-Seite

Achtzehn Jahre die ›Wahrheit‹ in der taz – und auch volljährig wird die einzige täglich erscheinende Satireseite einer Zeitung weltweit sich weiterhin an die goldenen drei Grundsätze halten:

Warum sachlich, wenn es persönlich geht.
Warum recherchieren, wenn man schreiben kann.
Warum beweisen, wenn man behaupten kann.

Und: Die ›Wahrheit‹ weiß immer, wie weit sie zu weit gehen kann. Rare Ausnahmen bestätigen auch hier allemal die Regel.

Der vorliegende Sammelband mit Texten aus den letzten zehn Jahren ist eindrücklicher Beweis für die Wahrheit der genannten Grundsätze, vielmehr: der Beweis für die Wahrheit der ›Wahrheit‹.

Mit Beiträgen von: Rob Alef, Christian Bartel, Archi W. Bechlenberg, Bernhard Becker, F.W. Bernstein, Björn Blaschke, Thomas C. Breuer, Mathias Broeckers, Silke Burmester, Eugen Egner, Susanne Fischer, Arno Frank, Pia Frankenberg, Gerald Fricke, Joachim Frisch, Colin Goldner, Dieter Grönling, Thomas Gsella, Uli Hannemann, Barbara Häusler, Albert Hefele, Volker Heise, Eckhard Henscheid, Gerhard Henschel, Jochen Herdieckerhoff, Jochen Kaiser, Wladimir Kaminer, Harald Keller, Rüdiger Kind, Peter Köhler, Tanja Kokoska, Hans-Hermann Kotte, Elmar Kraushaar, Tanja Küddelsmann, Hartmut El Kurdi, Stefan Kuzmany, Christian Maintz, René Martens, Bernd Müllender, André Paris, Kathrin Passig, Klaus Pawlowski, Ilke S. Prick, Michael Quasthoff, Georg Raabe, Anke Richter, Michael Ringel, Carola Rönneburg, Jürgen Roth, Michael Rudolf, Heike Runge, Michael Sailer, Frank Schäfer, Christian Y. Schmidt, Oliver Maria Schmitt, Joachim Schulz, Kay Sokolowski, Ralf Sotschek, Corinna Stegemann, Ulrike Stöhring, Ira Strübel, Matthias Thieme, Fritz Tietz, Mark-Stefan Tietze, Tom, Horst Tomayer, Jan Ullrich, Reinhard Umbach, Rudolf Walther, Mathias Wedel, Karl Wegmann, Rayk Wieland, Klaus Wittmann, Tom Wolf, Dietrich zur Nedden, Jenni Zylka.


Leseprobe:

Der Papst und die Hanutas

Manchmal hat man das Gefühl, dem Papst macht es richtig Spaß, Papst zu sein. Dann steht der alte Zausel mitten in seiner verrauchten Druidenküche und rührt mit der Riesenschöpfkelle im großen dampfenden Kessel voller Zaubertrank, der bei Protestanten Warzenbefall und Schweißausbrüche auslöst und Katholiken schier wahnsinnig werden lässt vor Begeisterung darüber, dass die Messe wieder in lateinischer Sprache gelesen werden darf und die Protestanten keine Kirche haben: »Katzendreck und Spinnenbein, / Alles in den Topf hinein, / Schnell noch einmal umgerührt, / Und alle an der Nas’ geführt!« 
Und wer ist schuld an dem ganzen Schlamassel: wir. Die Wahrheit. In der vergangenen Woche berichtete ich an dieser Stelle von unseren erfundenen Papst-Anekdoten: dass Benedikt XVI. zum Beispiel gern Hanutas isst und ähnliche Geschichten.
Jetzt schrieb mir der Verleger eines Buchs, in dem sich elf Wahrheit-Anekdoten wiederfanden, dass es nicht sein könne, dass wir uns diese Anekdoten ausgedacht hätten. Er habe »dem Heiligen Vater alle Anekdoten des Buches persönlich vorgelegt. Er hat sich darüber köstlich amüsiert und keinerlei Anzeichen gegeben, dass einige von ihnen fiktional sein könnten.«
Daraus ergeben sich drei Möglichkeiten: Entweder der Papst ist mittlerweile völlig senil und kann Fiktion und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten. Oder der Unfehlbare ist enorm clever und hat das Ewigkeitspotenzial der Anekdoten erkannt, dass nämlich sein wirkliches Leben so langweilig ist, dass es gegen unsere komischen Erzählungen gar nicht bestehen kann. Also folgt er lieber der Erkenntnis Arno Schmidts, dass die Wirklichkeit sowieso nur in der Literatur stattfindet, und amüsiert sich köstlich über seinen Coup.
Oder die Anekdoten sind tatsächlich wahr. Wir, die Wahrheit-Autoren, sind im Auftrag des Herrn unterwegs – beziehungsweise: Wir sind Gott! Wir haben uns die Anekdoten gar nicht ausgedacht, wir lenken vielmehr den guten Ratzinger schon lange auf seinem Lebensweg bis hin ins Amt des Pontifex.
Das ist die einzige schlüssige Erklärung. Man muss sich nur die Folgeschäden im real existierenden Katholizismus ansehen. So sind, wie wir jetzt erfuhren, im vergangenen Jahr in Regensburg Ministranten durch die Straßen gelaufen und haben Hanutas an Passanten verteilt, weil sie gelesen hatten, dass die Haselnusstafeln »die Lieblingssüßigkeit des Heiligen Vaters« seien. So entstehen Religionen. Wenn sich dereinst Archäologen oder Religionsforscher wundern, warum in katholischen Kirchen statt Oblaten Hanutas gereicht werden, dann sind wir es gewesen, die diesen schmackhaften Wechsel ermöglichten. Denn die Wahrheit, also Gott sprach: »Der Leib Christi solle fortan bestehen aus Schokoladenwaffeln mit Haselnussstückchen, die 6,8 Gramm Fett, 10,5 Gramm Kohlenhydrate und 1,9 Gramm Proteine in sich tragen. Amen.«
Apropos Amen. Das allerletzte Wort in der Anekdoten-Geschichte ist hoffentlich noch nicht gesprochen. Wir erwarten selbstverständlich von der Firma Ferrero eine größere Menge Hanutas als Gegenleistung dafür, dass wir die Schokowaffeln zum unverzichtbaren Element des katholischen Ritus gemacht haben.
Michael Ringel (13.7.2007)



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