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Münster – Jede Woche hat ihre Geschichten

100 Münster-Zeitzeichen aus der »na dann«-Serie

Carsten Krystofiak kennt die dunklen Ecken und krummen Wege in Münsters Stadtgeschichte. Aber gerade dort finden sich die komischsten, tragischsten und tragikomischsten Geschichten. Diese hat er für die »Münster-Zeitzeichen« nach dem Kalender sortiert. Von Anfang 2009 bis Ende 2011 lief die Serie unter dem Motto »In dieser Woche vor (...) Jahren...« in der »na dann...«. Die besten Folgen sind in diesem Buch zusammengefasst: Zwei historische Jahrestage pro Woche; durch ein ganzes Jahr. Wer wurde Ende Januar 1977 entführt? Was erschütterte Münster Anfang Oktober 1994?

Die Antworten finden sich auf dieser rasanten Zeitreise ...


Leseprobe:
In dieser Woche im Jahr 1975 ...
... wuchs Münster um 400 Prozent.
KW1
Am 1. Januar 1975 verloren im Zuge der kommunalen Gebietsreform die neun bis dahin autonomen Umlandgemeinden Münsters ihre Eigenständigkeit und wurden der Stadt Münster zugeordnet. Die Münsteraner fanden das prima, denn über Nacht wuchs ihre Provinzstadt um das Vierfache und sie fühlten sich ab sofort als Großstädter. Die Angelmodder, Amelsbürener, Albachtener, Nienberger, Roxeler, Sprakeler, Handorfer, Hiltruper und Wolbecker fanden das furchtbar und fühlten sich gedemütigt. Ausschlaggebend für die Ausdehnung war der »Plan 2000« – ein Entwicklungsplan, der Münster »enorme Wirtschaftsimpulse« in einem »nie gekannten Umfang« versprach. Kernstück dieser Kaffeesatzleserei war ein »Großflughafen« in Münsters Südosten (der niemals gebaut wurde). Doch es gab auch Kritik: Im Kreistag nannte man die Pläne »maßlos und überdimensioniert«. In Hiltrup kam es sogar zu einer Volksabstimmung, bei der 95 % gegen den Zusammenschluss mit Münster stimmten. Geholfen hat’s allerdings nicht. Als Rechtsnachfolgerin der nun politisch bedeutungslosen Umlandgemeinden übernahm Münster über hundert Bauvorhaben, die in den Vororten gerade anhängig waren. Das hatte ungeahnte Folgen: In Hiltrup, Amelsbüren, Roxel und Handorf waren die Bürger-meister so clever gewesen, schnell noch Schwimmbäder bauen zu lassen, die man alleine nicht hätte finanzieren können und auf deren Betriebskosten nun die Stadt Münster hängenbleiben sollte. Spätfolge nach über dreißig Jahren: Die Schließung dreier Bäder im »Rödl«-Sparstreit – späte »Rache« der Umlandgemeinden für den Verlust ihrer Selbstständigkeit...
 
 
In dieser Woche im Jahr 1536 ...
... wurden die Wiedertäufer hingerichtet.

KW3
Nachdem die Truppen des Bischofs durch Kreuztor und Jüdefelder Straße die Stadt einnahmen und von den Wiedertäufern zurückeroberten, ereilte die Täuferprominenz das Strafgericht. Geschnappt wurden Täuferkönig Jan van Leyden und »Schwerthalter« Bernd Knipperdolling (dessen Nachname übrigens »Kleiner Furz« bedeutet). Da Kanzler Heinrich Krechting entkam, hielt man sich an seinen Bruder Bernd. Das Urteil lautete: »Ihnen soll alles Fleisch mit glühenden Zangen von den Knochen abgerissen und dann Gurgel und Herz mit glühenden Eisen durchstoßen werden.« Prost Mahlzeit! Am 22. Januar 1536 wurden sie vor dem Rathaus auf ein Holzpodest geführt und an Pfähle gebunden. Bischof Waldeck sah von gegenüber genüsslich zu. Vier Stunden dauerte die Folter! Während Leyden sich jeden Schmerzensschrei eisern verbiss, versuchte Knipperdolling, sich angesichts der glühenden Zangen an seinem Halseisen zu erdrosseln, wurde aber brutal daran gehindert. Endlich erlöste man die Täufer durch Dolchstöße und zog ihre Körper in den bekannten Käfigen am Lambertikirchturm hoch. Leyden in der Mitte, Knipperdolling links, Krechting rechts. Noch nach 50 Jahren sollen letzte Fetzen zu sehen gewesen sein. Die Folterzangen wurden am Rathaus angebracht (und sind heute im Stadtmuseum). Damit war die Bewegung aber noch nicht ausgelöscht. Noch zwei Jahre später kam es in Greven zu einer Täuferversammlung mit immerhin hundert Teilnehmern. Kanzler Krechting schaffte es nach Ostfriesland, wurde Kirchenvorstand und lebte noch bis 1580 ...
 

In dieser Woche im Jahr 1948 ...
... wurde die Abschaffung der Straßenbahn beschlossen.
KW5
Ende Januar 1948 verkündete der Stadtrat, Münsters Straßenbahn könne die Verkehrsprobleme der Zukunft nicht lösen. Stattdessen setzten die Lokalpolitiker auf moderne »O-Busse«. Darauf brach in Münsters Lokalpresse der »Straßenbahnkrieg« aus. Während die Bewohner des Kuhviertels dagegen protestierten, ohne Straßenbahnlinie »vom Verkehr abgeschnitten« zu sein, schwärmten die anderen davon, wie »lautlos und geschmeidig« die Oberleitungsbusse dahinschweben würden. Ganz im Gegensatz zur Straßenbahn, denn die ratterte ziemlich laut durch die Stadt. In der engen Kurve am Alten Steinweg quietschten die Waggons in den Schienen besonders schrill. Darum hieß die Eckkneipe (heute: Gassi) früher »Heulende Kurve«. Drei Straßenbahnlinien fuhren seit 1901 durch Münsters Altstadt (die rote, die gelbe und die blaue Linie), z. B. vom Hauptbahnhof zum Hindenburgplatz. Doch 1954 war Schluss: Die Entscheidung zugunsten der O-Busse war endgültig. Namhafte Verkehrsexperten kritisierten die Stilllegung, weil man »ohne Not ein leistungsfähiges Verkehrsmittel geopfert« habe. Doch die Ära der O-Busse währte nur kurz: 1968 wurden die sonderbaren Zwitter zwischen Autobus und Lok wieder ausrangiert. Einige alte münstersche Straßenbahnwaggons fuhren noch lange in Osnabrück weiter. Dort entdeckte man 1993 den alten Straßenbahntriebwagen Nr. 65 aus Münster und brachte ihn zurück nach Hause, wo er restauriert wurde. Sämtliche späteren Initiativen zur Wiederbelebung der Straßenbahn sind gescheitert.



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978-3-941895-27-0, 215 Seiten mit 100 s/w-Bildern, Klappenbroschur, auch als E-Book in allen gängigen Formaten erhältlich für 6,99 EUR!
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