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Der Zauberer von Rom

Herausgegeben von Kurt Jauslin, Stephan Landshuter und Wolfgang Rasch

Der Zauberer von Rom ist, nach dem Urteil Arno Schmidts »die unvergleichlich beste Schilderung der katholischen Welt, die es gibt«: sie mündet in die Utopie von der Wahl eines deutschen Papstes, der die Kirche und mit ihr die Menschen aus den historisch gewachsenen Zwängen befreit. Der Roman ist zugleich ein Schlüsselwerk für die enorm dynamische und ideengeschichtlich komplexe Welt des 19. Jahrhunderts. Es ist ein Jahrhundertroman, der von den Alltagswelten bis zur großen Politik eine Vorstellung von Europa als kulturellem Zusammenhang in Geschichte und Gegenwart entwickelt. Die weit gespannte Handlung führt den Leser von der westfälischen Provinz über Hamburg, das Rheinland und Köln, Wien und Rom bis nach Süditalien. Mit seinen nebeneinander verlaufenden und ineinander verflochtenen Handlungssträngen, dem gewaltigen Umfang seines Personals aus allen Schichten der Gesellschaft, ist der Roman ein Höhepunkt in der Geschichte des so genannten »Panoramaromans« und, nach Rolf Vollmann, »eine sinnverwirrend hinreißende Lektüre.«


Leseprobe:


Immer und immer schon war ein gewisser »Deichgraf« genannt worden, ein Titel, nach dessen Bedeutung Lucinde nicht fragen mochte. Wie sicher sie zwar in allem, was zur Bildung gehörte, jetzt schon Stand hielt und einen über Geldangelegenheiten vom Vater in französischer Sprache begonnenen Discurs mit der endlos belachten Bemerkung unterbrach, ob sie nicht lieber polnisch sprechen wollten, was sie weniger verstünde als französisch, so hütete sie sich doch, auf Gebiete einzugehen, wo sie in keiner Weise heimisch war. Sie bildete sich da jenes bekannte und aufmerksame Schweigen aus, das bei Leuten, denen Bildung überhaupt zugestanden werden muß, immer annehmen läßt, daß sie über jeden vorliegenden Fall, und beträfe er die Inschrift einer ägyptischen Pyramide, vollkommen au fait sind.
Bald merkte Lucinde aus den Drohworten, die der Kronsyndikus ausstieß, daß es mit dem Deichgrafen eine besondere Bewandtniß hatte. Dieser »Graf« schien nur ein bürgerlicher zu sein. Es war der erste Pachter des Freiherrn von Wittekind. Der Kronsyndikus nannte ihn unausgesetzt bald einen Hund, bald einen Schurken; ja, er erklärte, daß er ihm bei erster Gelegenheit und, wie er sagte »stanta pe« eine Kugel vor den Kopf brennen würde. Der Kammerherr wünschte neue Vorkommnisse des Zwistes zu wissen, aber der Vater schien von denselben so ergriffen zu sein, daß er zuweilen die an ihn gerichteten Fragen ganz überhörte …
Das Terrain war eine Zeit lang nur eben gewesen. Auf den Gütern des Freiherrn, die von der Straße ostwärts lagen, wurde es wieder von Anhöhen unterbrochen, und auf der höchsten Höhe lag Schloß Neuhof wie eine leuchtende Krone der ganzen in Saatengrün, Wald und Wiese prangenden Gegend. Diesem Schloß, diesen reichen Fluren nach zu schließen, mußte der Kronsyndikus fürstliche Einnahmen beziehen, womit freilich sein Dingen und Zanken mit den Postillonen und Wirthen in Widerspruch stand. Lucinde hatte den Muth, ihn seines Geizes wegen aufzuziehen, wozu er ganz beistimmend schmunzelte und ihr in die Wange kniff mit den Worten, daß er von solchen hübschen Kindern wie sie in seinem Leben leider nur zu oft solche Wahrheiten hätte hören müssen.
Ehe man auf die bedeutende, aber sanft aufsteigende Anhöhe gelangte, von welcher das im vorigen Jahrhundert gebaute Schloß herniederleuchtete, hatte sich in den jeweiligen Auseinandersetzungen des Kronsyndikus über die Ernte, die neuen Wegebauten, die Kirchen und Klöster, die man in der Ferne aufragen sah, über einen oft citierten Landrath von Enckefuß, den sein Auge da und dort zu erspähen glaubte, dann wieder über den Reichtum und die hohe gesellschaftliche Stellung der Tüngels und über der Vorzüge der freilich nicht mehr ganz jungen Baronesse Portiuncula, die Jérôme heirathen sollte, wieder der Zorn gemischt auf jenen »Deichgrafen«.




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978-3-938568-24-8, 3 Leinenbände in Schutzumschlag, 2920 Seiten mit CD-ROM, Fadenheftung mit Leseband, 79 EURO. DIE BÄNDE SIND VERGRIFFEN UND NUR NOCH IN GERINGER STÜCKZAHL FÜR NEU-SUBSKRIBENTEN ERHÄLTLICH! EINE SOFTCOVER-AUSGABE IST IN PLANUNG. Der Oktober Verlag bedankt sich, auch im Namen des Editionsprojekts Karl Gutzkow, für die freundliche Unterstützung dieser Ausgabe durch die Arno Schmidt Stiftung, Bargfeld.
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