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Lakritz

Traktat einer Reise in die Welt der schwarzen Süßigkeit

Unterhaltsame Wissens-Szenarien wie der Lakritz-Äquator, der Deutschland zwischen Norden und Süden in zwei Hälften teilt, die ›Mär‹ vom Ochsenblut als geschmacksgebende Ingredienz oder die männliche Angst vor Impotenz prägen ebenso das Bild von Lakritz wie dessen Vereinnahmung durch eine bekannte Süßwarenfabrik, die der schwarzen Süßigkeit durch geschicktes Marketing ihren Stempel aufdrückte. Zwar ist das ›schwarze Gold‹ in den letzten Jahren ein populäres Thema in den Medien geworden, und der Lakritz-Rohstoff Süßholz wurde 2012 von der Universität Würzburg zur ›Arzneipflanze des Jahres‹ erklärt, doch blieben bis zum vorliegenden Buch viele Fragen offen. Um das Laritz-Wissen seiner Leser zu erweitern, geht Klaus-D.Kreische diesen Fragen in seinem ›Traktat‹ nach und untersucht die Population und Verbreitung der Süßholzpflanze seit der Antike sowie die verschiedenen Verarbeitungs- und Verwendungsmöglichkeiten des Rohstoffs, und zeichnet dann den kulturgeschichtlichen Weg von der bitteren Medizin zum süßen Lakritz-Konfekt nach. Das vielseitige Buch eignet sich nicht nur für Menschen mit Lakritz-Leidenschaft, und kann vielleicht sogar überzeugte Gegner des schwarzen Goldes zu einer erneuten Lakritzverkostung verleiten.


Leseprobe:


Die Entwicklung der Süßwarenindustrie ist unmittelbar mit der Geschichte des Zuckers verbunden, deren Anfänge weit vor unsere Zeitrechnung zurückreichen. Eine Verbreitung des Zuckers in Europa wurde vor allem ab dem 8. Jahrhundert durch die Islamisierung gefördert. Die Araber kultivierten das Zuckerrohr an den Küsten Nordafrikas, von wo aus sich der Anbau über das Mittelmeerbecken erweiterte und bis nach Sizilien und Andalusien gelangte. Sizilien blieb auch lange Zeit der Haupt-Produzent des Abendlandes und Venedig das wichtigste Zentrum für den Zuckerhandel. Mit steigender Nachfrage, geweckt durch die Kreuzzüge, weitete sich der Anbau von Zuckerrohr weiter aus. Er gedieh auf der Insel Madeira und in Guinea. Im 16. Jahrhundert wurden die brasilianischen Pflanzungen am produktivsten, und Lissabon trat an die Stelle von Venedig als erster Zuckerhafen Europas. Schließlich war der Zuckerhandel auch für andere europäische Länder so lukrativ, dass sie den Rohstoff aus ihren neueroberten Kolonien einführten. Im 17. Jahrhundert konnte neben Frankreich und den Niederlanden vor allem die englische Zuckerindustrie durch Importe aus den karibischen Inseln mit erstaunlicher Schnelligkeit expandieren und Portugal vom nordeuropäischen Markt verdrängen. Allerdings mussten diese Länder ihre Vormachtstellung einbüßen, als der Berliner Chemiker Andreas S. Marggraf (1709-1782) 1747 entdeckte, dass auch die gewöhnliche Futterrübe ›wahren‹ Zucker enthält. Daraufhin entwickelte der Naturwissenschaftler Franz Carl Achard (1753-1821) eine industriell brauchbare Methode der Zuckergewinnung aus der »Runkelrübe «, die er durch Züchtung in eine »Zuckerrübe« verwandelte.
Vor allem in England führte diese Entdeckung zu einem Zusammenbruch der englischen Zucker-Preise. Letztendlich wurde der englische Markt durch die Übernahme freier Handelszölle im Jahre 1874 auch für die billige Kontinental- Zuckerrübe geöffnet. War der Konsum von Zucker bislang auf Haushalte Adeliger und reicher Bürger beschränkt, wurde er nun zu einem alltäglichen Nahrungsmittel und fand Eingang in die Ernährungsgewohnheiten mittelloser Arbeiter. Letztere profitierten von der frühen Industrialisierung des Landes durch eine steigende Kaufkraft, die es insgesamt einer breiten Bevölkerungsschicht ermöglichte, sich den süßen Genuss zu leisten. Schließlich waren es insbesondere die Armen, die sehr früh und geradezu bedrückend nachhaltig Geschmack an dem süßen Zucker fanden.
Dieser Prozess zog auch eine Massenproduktion für Süßigkeiten nach sich und sollte völlig neue Käuferschichten ansprechen. Waren die Süßigkeiten bis dato der Erwachsenenwelt vorbehalten, wurden nun auch Kinder der weniger wohlhabenden Klassen mit ihnen verwöhnt.
Die obengenannten Faktoren waren auch die Grundlage für findige Industrielle, sich in besonderem Maße auf die Herstellung von ›Weichlakritz‹ zu spezialisieren. Der Ursprung dieser Lakritz-Form geht in die Epoche von George Dunhill zurück, als der Zucker auch für die mittleren Bürgerschichten erschwinglich wurde. Den Boom, der dann in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts für Lakritz-Produkte ausgelöst wurde, erklärt jedoch nicht nur der fallende Zuckerpreis, sondern auch die 1882 gewährte Zollfreiheit für die Einfuhr von Süßholz aus Spanien und Kleinasien.
Damit konnten erstmals auch größere Mengen an Süßholz aus fernen Ländern bezogen werden. Zunächst begünstigte aber der Süßholzwuchs vor den Toren von Pontefract die Stadtentwicklung zum Zentrum für die industrielle Weiterverarbeitung des Succus. Nach Einführung der Zollfreiheit sollten sich hier bis zum Ende des 19. Jahrhunderts insgesamt 12 Fabriken ansiedeln, die das weiche Lakritz herstellten. Bis zum I. Weltkrieg erhöhte sich die Zahl der Fabriken sogar auf 17. Die Ironie der Geschichte zeigt aber, dass mit der Erweiterung der Lakritz-Süßwaren-Industrie der Süßholzanbau in Pontefract unrentabel und die Wurzel nun aus entlegeneren Regionen der Welt eingeführt wurde. Fast alle der 12 Fabriken, die hier 1893 Lakritz herstellten, importierten die Glycyrrhiza, und nur eine Fabrik bezog ihr Süßholz aus Pontefract. Schließlich ging der Anbau so weit zurück, dass 1966 in Pontefract die letzte Wurzel geerntet wurde.
Ein weiterer Faktor, der sich unmittelbar auf die Lakritz-Industrie in Pontefract auswirkte, war das Bevölkerungswachstum in Yorkshire. Bedingt durch die Gründung vieler Kohlegruben stieg nicht nur im rasanten Tempo die Käuferschicht für das Pfennigprodukt an, sondern erhielt es einen Teil seiner alten Bestimmung zurück. Die Minenarbeiter lutschten das Lakritz als billigen Medikamentenersatz, um ihren Mund feucht zu halten.



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978-3-946938-05-7, Broschur, 2. Auflage, 300 Seiten mit 65 sw-Abbildungen, auch als E-Book in allen gängigen Formaten erhältlich für 7,99 EUR!
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