Zurück

Schrebergarten Blues

Eddie-Jablonski-Trilogie 2

Die Schrebergärten mit dem klangvollen Namen "Ruhrfrieden" werden platt gemacht. Sie sollen einem Golfplatz weichen. Der Rentner Rudi Vollmer "hat da wat gegen ..." Er tritt in den Hungerstreik und stirbt an einem Flintenschuß. Lokalredakteur Eddie Jablonski recherchiert in einem Sumpf aus Habgier, Verrat und Eifersucht ...

Leseprobe:


KLEINGARTENANLAGE RUHRFRIEDEN E.V. war in das halbkreisförmige Holzbrett geschnitzt,
das auf zwei Pfosten genagelt war, die rechts und links neben einem Treppenaufgang standen, so daß
das Brett die Stufen wie ein Baldachin überspannte. Die Frühlingssonne hatte ihren Zenit erreicht.
Eddie hatte das Jackett ausgezogen und über die Schultern gehängt. Ich hätte den Cognac und das
Bier nicht auf nüchternen Magen trinken sollen, ärgerte er sich, als er mühsam die Stufen
hinaufkeuchte. Schon nach wenigen Metern war ihm speiübel. Er hockte sich auf eine der Steinstufen
und atmete kräftig durch. Der Geruch nach feuchter Erde und frisch geschnittenem Gras tat ihm gut.
Langsam spürte er, wie das Gefühl von Übelkeit quälendem Hunger wich. Nach kurzem Zögern
kramte er die Zigarettenpackung aus seiner Jackettasche, steckte sich eine Fluppe an und inhalierte
mit tiefen Zügen. Er spuckte einen Tabakkrümel, der auf seinen Lippen klebte, zu Boden und
betrachtete interessiert den badewannengroßen Teich, der mit einem Drahtzaun abgesichert war. Ein
Gartenzwerg mit einer Schubkarre mühte sich ab, einen Hügel aus Kies zu erklimmen, während sein
Kumpel, der neben ihm stand, fröhlich grinsend ein Pfeifchen schmauchte. Etwa zwei Fuß hinter den
Jungs betrachtete ein zartes Rehlein das Ensemble. Typisch, dachte Eddie, einer rackert sich ab und
zwei gucken zu. Fast wie im richtigen Leben. Er stand auf und kletterte schwitzend die Treppe
hinauf. Je höher er stieg, umso dichter wurde die Wichtelmannpopulation. Gnome, die dicke Rechen
in ihren unförmigen Händen hielten, Kerle, die wie Seeleute im hohen Bogen in irgendeinen Tümpel
pinkelten, Zwerge, die säckeweise irgendwelchen Plunder auf ihren runden Rücken schleppten, oder
Heinzelmännchen, die ihre Sicheln geschultert hatten, um nicht vorhandene Bergwiesen zu mähen.
Jablonski fühlte sich von dieser Wichtelgarde regelrecht verfolgt. Er spürte, wie sie hinter seinem
Rücken gackerten, kicherten und sich über ihn lustig machten, während er sich asthmatisch wie ein
Tattergreis den Berg hinaufquälte. Er war heilfroh, als er endlich die Kuppel des Hügels erreicht und
diese idiotische Bande schwindsüchtiger Wurzelseppel hinter sich gelassen hatte. Er kam an eine
Kreuzung, deren Abzweigungen jeweils wieder bergab führten. Jablonski wählte den Rosenweg, wie
man es ihm am Telefon erklärt hatte, und stapfte den mit Asche bestreuten rechts und links mit hohen
Hecken umsäumten Pfad hinunter, bis er einige Meter hinter einer scharfen Biegung vor einem
Gartentor stand. Das Tor war aus Stahlstreben zusammengeschweißt, die exakt parallel zueinander
verliefen und in deren Mitte sich ein nachgebildeter kleiner Spaten mit einem Metallrechen kreuzte.
Das Ganze wirkte auf Eddie wie die feierliche Monstranz einer längst untergegangenen
Proletenkultur. Rechen und Spaten statt Hammer und Sichel, austauschbar und gestürzt wie die
Marx- und Leninstatuen in der Ex-DDR. Ein kümmerlicher Hinweis auf die verblichene Größe einer
inzwischen harmlos gewordenen Arbeiterbewegung, degenerierte Insignien einer einstmals
gewaltigen Streitmacht, die, wenn sie den Hammer fallen ließ, jeden Fabrikbesitzer dazu veranlaßten,
mit den Zähnen zu knirschen, dachte Eddie, als er das Tor aufstieß.
Es waren höchstens zehn Schritte bis zu der Gartenlaube aus diesen rissigen, mit Teerfarbe
gestrichenen Brettern, die für ein paar Mark in jedem Baumarkt zu kriegen waren. Der Schuppen
stand zwischen einem frisch gejäteten Gemüsebeet und einer wie mit dem Lineal ausgemessenen
rechtwinkligen Rasenfläche, auf der eine vergammelte Hollywoodschaukel still vor sich hinrostete.
Rudi Vollmer, knorrig und kräftig wie ein Baumstamm, fuhr mit einer schnellen Handbewegung über
sein verschwitztes, stoppelbärtiges Gesicht und die grauweißen, kurzgeschnittenen Haare, bevor er
sich federnd wie ein Jüngling aus dem Gartenstuhl erhob, um Eddie die schwielige Pranke zu
reichen.
Jablonski mußte unwillkürlich lächeln, als er Rudi musterte. Der Rentner wirkte in seinen kurzen
grünen Gummistiefeln, der verwaschenen Cordhose, die von breiten Hosenträgern gehalten wurde,
und der ausgebeulten Strickjacke wie ein grau gewordener Schulbub auf dem Abenteuerspielplatz.
»Ein Bier?« fragte Rudi, während sich Eddie auf der Schaukel niederließ.
»Ein Bier wär nicht schlecht«, nickte Eddie, »und was zu beißen«, fügte er hinzu.
Rudi verschwand wortlos in der Laube. Man hörte, wie eine Kühlschranktür zuschlug, das Scheppern
eines Geschirrkastens und das Klappern von Tellern, die aufeinandergestapelt wurden. Bald darauf
schleppte Rudi einen Campingtisch aus der Hütte und baute alles direkt vor Eddie auf. Auf dem
Resopaltischchen türmten sich ein Sechserpack Bierdosen, eine Schüssel mit Kartoffelsalat und ein
Frikadellenberg, so hoch wie der Mount Everest. Eddie schnappte sich ein Bier, riß die Blechlasche
auf und ließ die Flüssigkeit in sich hineinplätschern. Dann widmete er sich den Frikadellen. Sie waren
schwarz wie Eierkohlen und hart wie Bremsklötze. Ihm war das egal, er aß die Dinger mit
wachsendem Vergnügen, nachdem er sie in eine ordentliche Portion Senf getunkt hatte.
»Man müßte se alle umbringen«, begann der Rentner zwischen zwei Bissen und nahm einen kräftigen
Schluck aus der Blechdose.
»Spinnst du, Rudi? Gib mir lieber noch einen von deinem Aufgesetzten«, entgegnete Jablonski. Er
lehnte sich zurück, streckte die Beine aus und kramte nach einer neuen Zigarette.
»Nee wirklich, alle in einen Sack gesteckt und draufgehauen, triffste immer den Richtigen«, sagte
Rudi.
»Wovon redest du eigentlich?« erwiderte Eddie nach zwei tiefen Lungenzügen.
»Dat weiß du do ganz genau, wo du doch vonne Presse bis. Ihr efahrt doch sowat als erstes, oder
etwa nich?«
»Mensch Rudi, jetzt erzähl doch mal von vorne, ich versteh' kein Wort«, drängte Eddie gespannt.
»Da müssen mer aber ers no einen drauf trinken«, verlangte der Rentner und goß die Likörgläser
randvoll, ohne Jablonskis Antwort abzuwarten. Die Mittagssonne fing sich in den kleinen Gläsern
und ließ den Schnaps glutrot wie einen Rubin leuchten. Sie prosteten sich zu und kippten den
scharfen Aufgesetzten in einem Zug hinunter.
»Also, die Stadt will aus unseren Gärten 'nen Golfplatz machen, un dat laß ich mir nich gefallen, da
könnt ihr alle Gift drauf nehmen, un dat mein ich au so!« erregte sich Rudi, wobei sich auf seinem
stoppeligen Gesicht und dem Hals rote Hitzepusteln bildeten, die ihn urplötzlich steinalt aussehen
ließen.
»Ja, und?« lachte Eddie und fuhr fort, »die Stadt stellt dir doch bestimmt eine neue Parzelle zur
Verfügung, oder etwa nicht? Und für dein Gartenhäuschen kriegst du eine schöne Abfindung. Mit
dem Geld fliegst du nach Mallorca und machst einen drauf! Mensch, Rudi, du hast die Rente durch.
Warum gibst Du keine Ruhe und machst dir 'nen schönen Lebensabend? Tun die anderen doch
auch!« Mein Gott, wie kann man nur so bescheuert sein, dachte Jablonski, der sich wie ein
Sozialarbeiter wider Willen vorkam.
»Pah, Malorka, geh mich wech!« schimpfte Rudi. »Meinse, ich fahr in so'n Rentnersilo? So'n
Betonklotz mit Katzenklo? Jeden Abend Schwoof aufm Hof, Ringelpietz mit Anfassen un so? Nee,
weisse, dafür hab ich mich nich mein Leben lang kaputtgemacht, damit se mich na Spanien abschieben!
Nee, im Ernst! Wenn die dat machen, bring ich mich um!« Rudis Augen bekamen einen fiebrigen
Glanz.
»Du, Rudi? Du hängst doch am Leben wie kein anderer«, spottete Eddie.
»Wartet mal ab!!! Ihr werdet euch alle noch wundern!« wütete Rudi.
»Na, was hast Du denn vor?« fragte Jablonski, der nun doch etwas besorgt schien.
»Ers müssen mer no einen trinken, bevor ich dir dat sach!« triumphierte der Rentner, lehnte sich auf
seinem Stuhl zurück und verschränkte entschlossen die Arme vor seiner Brust.
»Nur zu«, nickte Eddie, der froh war, daß sich die Lage wieder etwas zu entspannen schien.
»Auf Dein Wohl, Eddie!« rief der Rentner und hob das Glas.
»Und?« hustete Eddie, der sich an dem Schnaps verschluckt hatte. Er kam sich vor, als sei er durch
Zufall in den ersten Akt einer schlechten Komödie geraten.
»Ich sach nur eins: Hungerstreik!« ergänzte Rudi nach einer bedeutungsschwangeren Pause.
»Im Leben nicht!« staunte Jablonski. Das hatte er nicht erwartet.
»Doch!«
»Du? ... Na, das kann ja heiter werden!«
»Ja, ich ... und ich sach dir au, wieso!« wütete Rudi, der nun nicht mehr auf seinem Hocker zu halten
war und deshalb aufstand, um eine Runde in seinem Schloßpark zu drehen.
»Paß auf! Nich nur, dat die Stadt uns die Gärten wechnimmt. Nee, dat is noch nich alles! Wenn wir
auf dem anderen Gründstück, wat uns der Heini vonne Stadt, der Müller, angeboten hat, unsere
Gartenhäuschen wieder aufbauen wollen, müssen mer da Trockenklos einbauen.« Der Rentner zog
mit jedem Satz immer hektischer seine Runden. Er gestikulierte mit seinen großen Pranken, als
stünde er vor einem Orchestergraben oder wolle eine Horde wilder Kleingärtner zur Attacke auf die
Stadt zwingen. »Eher verreck ich, bevor ich mich auf so nen Bottich setz!« schloß er erschöpft.
»Und was hab ich damit zu tun?« fragte Eddie gelangweilt.
»Du machst die Werbung für uns, Pressekampagne oder wie dat heißt!«
O Gott, da vorne steht Don Quichotte, und ich soll bei seinem Ritt gegen die Windmühlen den Sancho
Pansa spielen! Scheißjob, dachte Eddie entsetzt.
»Auf den Schreck brauch ich aber noch einen Schnaps. Rudi, du bist total verrückt. Wie kommst du
nur auf so einen Blödsinn?« antwortete er schließlich mit einem besorgten Blick auf den Rentner, der
ihn aufgebracht anstarrte.
Eddie fühlte sich plötzlich tausend Jahre alt. Der Alkohol war ihm zu Kopf gestiegen, daran hatten
auch die versalzenen Frikadellen nichts geändert. Im Gegenteil, von diesen Dingern hatte er nur noch
mehr Durst bekommen. Er hielt sich krampfhaft an seiner dritten Dose Bier fest. Er war todmüde,
und die Zeit drängte. Es war bereits früher Nachmittag, und er saß hier, angetrunken und ohne die
leiseste Idee für eine Story, die er täglich für den Stadtanzeiger abzuliefern hatte. Ihm schien es, als
habe jemand einen Haufen Watte in seinen Schädel gepackt. Das Zwitschern der Amsel, die seit
geraumer Zeit auf einem Ast eines Pflaumenbaumes hockte, donnerte in seinen Ohren wie ein
tosender Wasserfall. Er setzte das Likörglas an die gespitzten Lippen und kippte das Zeug mit
geschlossenen Augen hinunter, als wäre es die reine Medizin.



Buch bestellen (4,99 EUR)

978-3-944369-41-9, 64 Seiten, E-Book only, in allen gängigen Formaten erhältlich für 4,99 EUR!
Zurück