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68er Spätlese

Eddie-Jablonski-Trilogie 1


Der 1. Teil der Früh-90er Regionalkrimi-Trilogie um den Bochumer Lokalreporter Eddie Jablonski. Ömer Yilmaz, der sich im Betriebsrat einer Bochumer Baufirma engagierte, wird tot im Stadtpark gefunden. Ein eingeritztes Hakenkreuz im Rücken. Scheinbar also ein ausländerfeindliches Verbrechen. Doch Eddie Jablonski stolpert, nicht immer nüchtern, über weitere Motive für den Mord.

Leseprobe:

Die Morgendämmerung tauchte das Zimmer in ein mat­tes Zwielicht. Jablonski blinzelte im Halbschlaf und versuch­te, sich an die vergangene Nacht zu erinnern, als ihn das Klin­geln des Telefons aus seinen trüben Gedanken riß. Eddie schob die Decke beiseite, setzte sich vorsichtig auf, schloß er­neut die Augen, damit sich sein Kreislauf beruhigte und spürte den faden Geschmack von Galle, Zigaretten und Al­kohol auf seiner pelzigen Zunge.
»Nassauer hier!« meldete sich eine Männerstimme am an­deren Ende der Leitung.
»Was gibt's?« fragte Eddie gereizt.
Die Stimme hustete.
»Brauchste 'ne Story, oder willse mit 'm alten Kumpel nix mehr zu tun haben?«
Eddie schwieg.
»Also ... wat is? Zwei Heiermänner un' du bis' im Ge­schäft.«
»Okay, schieß los«, antwortete Eddie, schloß die Augen und ließ sich in die Polster der Liege zurücksinken.
»Hier isn Kümmeltürke, der liecht mit 'm Kopp anne Klo­schüssel und sagt kein Ton, wennse mit 'm sprichs.«
»Wo?«
»Stadtpark-Scheißhaus. Nordausgang, all's klar?« huste­te Nassauer in den Hörer.
»Bis gleich«, nickte Eddie, hängte ein, holte tief Luft und versuchte aufzustehen. Dabei pochte das Blut in seinen Schläfen wie Hammerschläge, seine Hände zitterten und ei­ne breite Schweißspur lief seinen Rücken hinunter. Eddie ta­stete sich in die Küche, öffnete den Kühlschrank, fischte sich eine Flasche Fiege-Pils aus dem Gemüsefach, kappte den Kronkorken mit einem Öffner, den er nach hektischem Su­chen in einer Küchenschublade fand, und trank in langen gierigen Schlucken. Er rülpste laut, fühlte sich gleich etwas besser, nahm die Bierflasche mit in das Wohnzimmer, wo er sie vorsichtig auf dem Beistelltisch deponierte und ging in den Hausflur, um die Koffer zu suchen, die Uschi für ihn ge­packt hatte. Warum können Frauen zwischen Sex und Liebe nicht unterscheiden, verdammt nochmal, dachte Jablonski, als er die schweren Koffer zu dem Alfa wuchtete. So ein Nümmerchen nebenbei stellt doch die Ehe nicht in Frage, er­regte er sich, wußte dabei aber ganz genau, daß er mit diesem Spruch nicht bei Uschi landen konnte, schüttelte deshalb ver­ständnislos den Kopf, öffnete die Kofferraumklappe und verstaute das Gepäck. Kleinbürgerliche Moralvorstellun­gen, schimpfte er laut vor sich hin, als er in das Haus zurück­ging, um sich mit einem kleinen Imbiss zu stärken.
In der Küche säbelte er sich einen Kanten Brot ab, belegte ihn dick mit Käse und spülte die Bissen mit dem restlichen Bier hinunter. Dann klingelte er Rehnagel aus dem Schlaf und verabredete sich mit ihm im Stadtpark.
Über dem Weiher hingen graue Nebelwolken. Ein feiner Nieselregen hatte die Wege und die Uferböschung aufge­weicht. Jablonski fluchte über den Matsch an seinen Schu­hen. Ein Ort, so öde wie Heino singt, dachte er, als er die Tür zu dem Pissoir aufstieß.
»Da isser«, sagte Nassauer, der hinter Eddie hergestapft war.
Der Tote lag auf dem Bauch in einer blutgetränkten Was­serlache, die sich in einer kleinen Senke des schmutziggrau­en Waschbetonfußbodens gesammelt hatte. Seine linke Hand krallte einen kurzen Holzknüppel, während die ande­re zur Faust geballt war. Seine Windjacke war hochgerutscht und das karierte Baumwollhemd, das er darunter trug, war zerrissen. Irgend jemand hatte ihm, vermutlich mit einem Messer, ein Hakenkreuz in blutigen Striemen in den Rücken geritzt.
Eddie schauderte, als er die Leiche sah. Sein Magen zog sich zusammen und er spürte, wie ein Würgereiz seine Kehle hochkroch. Um sich abzulenken, steckte er sich eine Zigaret­te an.
»Wie kommst du da drauf, daß er ein Türke ist?« wollte Jablonski wissen und blickte Nassauer erwartungsvoll an. Der kleine Mann mit dem übergroßen, verschlissenen Mantel, dessen Füße in zerfledderten Turnschuhen steckten, schnief­te durch seinen blau angelaufenen Riechkolben, verdrehte die Augen und blickte vielsagend in den Himmel, so als hätte er von dort eine Botschaft empfangen.
»Komm, rück die Papiere raus«, grinste Eddie und knuffte Nassauer freundschaftlich in die Seite.
»Wat‘n für Papiere?« antwortete Nassauer scheinheilig und trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.
»Gib schon her«, lachte Eddie und streckte die Hand aus.
»Ers' die Kohle!«
Jablonski gab ihm das Geld und erhielt im Gegenzug eine schmale Brieftasche aus fleckigem Lederimitat. Eddie ver­ließ den muffigen, feuchtkalten Raum, der nach Urin, Blut und Kot roch, atmete erleichtert auf, als er ins Freie trat und öffnete die Brieftasche. Das Paßfoto in dem Führerschein zeigte einen freundlich lächelnden jungen Mann, mit einem Schnauzbart und kurz geschnittenen, schwarzen Haaren, die an der Seite gescheitelt waren. Ömer Yilmaz war im Sep­tember 1952 in Bursa geboren und wohnte, falls die Adresse noch stimmte, in Bochum-Wattenscheid. Am Bänksen hieß die Straße, die eingekeilt vom Krupp-Stahlwerk und der A 430 in einem alten Arbeiterviertel lag und mit dem Auto keine zehn Minuten von dem Stadtpark entfernt war. Bis auf einen türkischen Reisepaß, Fotos von einer schulpflichtigen Tochter und einer Mitgliedskarte der IG Bau-Steine-Erden war die Brieftasche leer.
»Hast du dich schon bedient?« wollte Eddie wissen und blickte Nassauer tief in dessen wasserhelle, rotgeäderte Säu­feraugen.
»Dat ham schon andere gemacht. Die Brieftasche lag da inne Ecke ohne Kohle, so wahr ich Nassauer heiße«, antwor­tete der Penner mit todernster Miene, wobei er hilflos und wie es schien, ein wenig bedauernd, die Schultern hob.
Rehnagel schwitzte trotz der eisigen Novemberluft, als er, vollgepackt mit einem Stativ und dem Fotokoffer, über die taufeuchte Wiese auf die beiden zurannte.
»Tschuldigung«, keuchte er und stellte das Stativ ab, »... meine Mutter wollte, daß ...«
»Ist schon gut«, beruhigte ihn Eddie, der wußte, daß Reh­nagel trotz seines vorgerückten Alters immer noch zuhause wohnte und daß seine Mutter ihn wie einen kleinen Jungen behandelte.
»Ich hoffe, daß du noch nicht gefrühstückt hast. Sonst kommt dir beim Anblick der Leiche wahrscheinlich der Kon­firmationskaffee hoch.«
»Hab schon viel gesehen«, winkte Rehnagel ab und unter­suchte die Toilette mit Profiblick nach einem günstigen Standort für das Stativ.
Nassauer hustete, würgte und spie den Schleim im hohen Bogen durch die Luft.
»Ich geh jetz'«, röchelte er dann, »gib mir aber vorher noch 'ne Fluppe«, wandte er sich an Eddie und blickte ihn heraus­fordernd an. Jablonski nickte, holte ein angebrochenes Päck­chen Gauloises aus der Tasche und steckte es Nassauer wort­los zu. Der Penner grinste, hieb Jablonski freundschaftlich in die Seite und trottete mit eingezogenen Schultern, die Hände tief in den ausgebeulten Manteltaschen versteckt, davon.
Jablonski hatte genug gesehen, er wollte so schnell wie möglich mit der Witwe von Ömer Yilmaz sprechen, um dann eine runde Story zu schreiben. Vor seinem geistigen Auge sah er bereits die Schlagzeile ›Türke von Nazis erstochen‹. Endlich wieder ein Thema, das Pohlig sicher zur Weißglut bringen, aber andererseits vermutlich die Verkaufszahlen der Zeitung in die Höhe treiben würde. Ein Argument, mit dem man den Justitiar bei Laune halten konnte, dachte Eddie zufrieden und spornte Rehnagel zur Eile an.
Der Mann, der gemächlich auf Eddie zujoggte, stieß bei je­dem Atemzug weiße Dampfwolken aus und schien einem Kreislaufkollaps bedenklich nahe zu sein. Er hatte sich einen roten Wollschal um den feisten Nacken gewickelt, den er in regelmäßigen Abständen dazu benutzte, seine schweißnasse Stirn damit abzuwischen. Kurz bevor er Eddie erreichte, ließ er kraftlos die Arme sinken, stolperte fast und streckte die Beine weit von sich, nachdem er sich auf eine Parkbank hatte fallen lassen. Der Jogger erwies sich für Jablonski als williges Opfer. Er erklärte sich sofort bereit, die Polizei anzurufen, als er von der Leiche erfuhr. Eddie ließ ihn in dem Glauben, daß er bei dem Toten bleiben würde, bis der Streifenwagen ein­träfe. Mit hochrotem Kopf trabte der Jogger im Eilgang in ei­ne Richtung davon, in der er eine Telefonzelle vermutete. Kaum war der Mann außer Sichtweite, verließen Jablonski und Rehnagel den Tatort, um die Witwe von Ömer Yilmaz aufzusuchen.




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