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Lippenstift & Notfalltropfen

Ein Handtaschenbuch

Neun österreichische Autorinnen haben sich auf ein spannendes Unterfangen eingelassen: Sie literarisieren den Inhalt einer Damenhandtasche. Mit diesem Projekt ist eine osziliierende (Kurz-)Prosa- und Lyriksammlung gelungen, die uns einen Anstoß geben mag, unser Augenmerk wieder deutlicher auf jene kleinen Dinge zu richten, die uns verlässlich durch unseren Alltag begleiten. (Petra Ganglbauer)

Das Buch lässt sich übrigens mit wenigen Ein- und Handgriffen als ›Handtaschenbuch‹ im wahrsten Sinne des Wortes verwenden!


Leseprobe:
 
Enthaarungscreme

Eine erhob sich, und aufrechten Ganges liebte sie klar, verwegen und heftig. Beherzt schrie sie »Nein!« wenn ihr danach war oder »Spring, und das Netz erscheint!« Wer springen will, muss zuerst hoch hinaufsteigen, die Schwingen ausbreiten, sich abstoßen. Im schlimmsten Fall kostet es das Leben. Und wenn schon.
Beim Aufkommen nach dem Sprung kann es sein, dass eine stirbt oder Kirschen pflückt und verschlingt, bis der Bauch kugelrund ist, schlabbert und gluckst, besonders bei denen, die viel Wasser dazu trinken. Es kann sein, dass eine beim Aufkommen draufkommt, dass sie lieber nimmt, als gibt.
Ja, füttere mich.
Ja, creme mir das Gesicht ein.
Ja, such, wo ich erregbar bin.
Ja, tusche mir die Wimpern.
Ja, besprenkle mich mit Weihwasser.
Ja, trag mir die Kisten hoch.
Ja, bügle mir die Hosen.
Ja, halt mir die Hand.
Ja, kauf mir den Opal.
Beim Auftreffen kann es sein, dass eine sich auf einem Berg wiederfindet, dessen Fuß gefährlich umzingelt ist, von denen mit dem Kreuz, sodass sie mit den Händen auf Fels klatschen muss, bis die Steine ins Rollen kommen. Wenn es kracht und die zerquetscht da liegen, kann sie sich selbst erfinden. Ganz von vorne. Ganz neu. Wie meine Oma.
Ein roter Kleinlaster rast die Landstraße entlang und bremst scharf bei einem Grundstück. Der Motor wird abgeschaltet. Meine Oma steigt aus. Sie trägt Schuhe wie Boote. Ihr hinterdrein springt hechelnd ein Ungetüm. Sie schlägt die Autotür zu, geht zur Ladefläche und packt den dunkelgrünen Werkzeugkoffer. Beim Gehen weht ihr langes Haar unter den Achseln, auf den Beinen. Es wogen Brüste, der Hintern, der Bauch. Über den Augen hängen Augenbrauen in Strähnen wie ein Vorhang. Den zieht sie zur Seite, als sie sich über die Bretter kniet. Sie hämmert und sägt lange, und eines Tages ist sie so weit: Sie ruft nach dem Kran. Die Kranfahrerin verankert die Eckpunkte der Holzkonstruktionen, spannt langsam und behände die Seile. Zieht.
Jetzt steht da das Haus, fix und fertig mit hohen Fenstern, breiten Türen. Oma begutachtet es zufrieden von allen Seiten
und rammt eine Flagge in den Boden. Ihr Hund rennt kläffend und schwanzwedelnd vom Laster zum Frauchen. Oma setzt sich auf die Wiese und flicht ihr Achselhaar, Beinhaar, Nasenhaar, Ohrenhaar, Gesichtshaar und die Schambehaarung, die neben dem Beinansatz bei den Shorts herausquillt, zu kräftigen Zöpfchen mit bunten gläsernen Perlen dazwischen.



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